16.10.2019

Unsere Sicht auf Legal Tech

Eine Analyse von Zukunft Verstehen

#Legal#Tech#Markt#Analyse
Zukunft Verstehen Team
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Ein interessanter Markt

Seit Jahrtausenden gibt es Anwälte und Rechtsdienstleistungen. Darum besitzt die Rechtsbranche schon allein historisch einen großen Markt. Mittlerweile hat auch der Markt für Rechtssoftware eine beachtenswertes Potenzial erreicht. Dennoch gibt es bisher nur wenige innovative Angebote. Einerseits liegt das daran, dass die Rechtsbranche insgesamt ein sehr konservativer Markt ist. Andererseits wurden bislang kaum praxistaugliche Produkte entwickelt, um Technologie in der Branche zu etablieren.

Die wirtschaftliche wie auch politische Relevanz der Branche ergibt sich zudem aus der steigenden Nachfrage bei gleichzeitig stagnierendem Angebot. Die Geschichte des Marktes zeigt, dass der persönliche sowie unternehmerische Bedarf an Rechtsdienstleistungen stetig wächst. Aufgrund der abnehmenden Zahl an Studierenden, die ein Studium der Rechtswissenschaften abschließt, kann dieser steigende Bedarf auf Dauer nicht durch Arbeitskraft gedeckt werden. Dies verdeutlicht auch folgende Grafik, welche die Zahl der Jura-Absolventen dem Rechtsmarktwachstum in Deutschland gegenüberstellt:

Zahl der Jura Absolventen in Deutschland sinkt, während der deutsche Rechtsmarkt wächst

Die Zahl der Jura-Absolventen in Deutschland sinkt, während der deutsche Rechtsmarkt seit Jahren stetig wächst.

Dieses Missverhältnis wirft die Frage auf, wie Rechtsprozesse effizienter gestaltet werden können. Langwierige, komplexe Tätigkeiten können verkürzt und vereinfacht werden. In einigen Fällen ersetzt heute die Recherche in Online-Datenbanken den zeitaufwendigen Gang in eine Bibliothek oder den Kauf großer, unübersichtlicher Bücher. Die Digitalisierung hat in dem Bereich jedoch dem Endnutzer bisher keinen finanziellen Vorteil verschafft: Beide Angebote sind weiterhin sehr teuer, sodass an dieser Stelle noch Verbesserungsbedarf besteht. Ansprüche in geringer Höhe, bei denen sich die Einschaltung eines Rechtsanwalts nicht lohnt, können mithilfe von Legal Tech automatisiert erfasst, bearbeitet und geltend gemacht werden.

Vorhandene Lösungen

Kanzleisoftware

Kanzleisoftware bietet heutzutage außerhalb der Verwaltungs- und Buchhaltungsfunktionen nur wenig Innovation. Nach unseren Maßstäben handelt es sich nicht um wirkliches „Legal Tech“, insbesondere da es die Qualität der Rechtsberatung nicht steigert.

Vertragsgeneratoren

Anbieter von Vertragsgeneratoren konzentrieren sich häufig überwiegend auf Mandanten als Zielgruppe. Die Anbieter erwarten, dass Laien eigenständig Klauseln auswählen. Dieses Vorgehen ist einerseits für den Mandanten problematisch, da er sich unqualifiziert mit juristischer Arbeit auseinandersetzen muss. Andere, verständlichere Tools bieten zu wenig Möglichkeiten zur Anpassung an individuelle rechtliche Bedürfnisse.

Andererseits kann das mittlerweile auch für den Betreiber zu Problemen führen: Steht keine Anwaltskanzlei hinter einem solchen Vertragsgenerator, sieht das LG Köln in dem Angebot nach neustem Urteil die unerlaubte Erbringung von Rechtsdienstleistungen im Sinne des § 3 RDG.

Dokumenteditoren

Tools für die Erstellung und das kollaborative Bearbeiten von Dokumenten stellen häufig eine Alternative zu Microsoft Word dar. Hier sind jedoch die marktbeherrschende Stellung und hohe Qualität von Word eine nahezu unüberwindbare Hürde. Aufgrund dessen, dass diese Tools keine zusätzlichen Features im Vergleich zu Word bereitstellen, jedoch einige Funktionen vermissen lassen, fehlt die Verwendung im anwaltlichen Betrieb.

KI-basierte Lösungen

Unternehmen, die künstliche Intelligenz (KI) aktuell in den Vordergrund stellen und auf einem spezifischen Gebiet einen Ersatz für Anwaltsarbeit schaffen möchten, haben bisher noch keine marktreifen Lösungen präsentiert. Da anwaltliches Schaffen oft vom Kontext abhängig ist und einer künstlichen Intelligenz konkretes alltags- und domänenspezifisches Wissen fehlt, wird sich die Einführung praxistauglicher Produkte noch hinziehen.

Effektivere Lösungen

Eine essenzielle Basis für effektivere Lösungen ist eine vertikale Arbeitsteilung, wie sie bereits in anderen Branchen üblich ist. Wird eine Gesichtserkennungs-App entwickelt, erstellen Informatiker die Gesichtserkennung nicht von Grund auf selbst, sondern greifen auf bestehende Frameworks zurück. Bei Legal Tech hingegen bauen Unternehmen ihre Anwendungen oftmals ohne Kooperation mit anderen Marktteilnehmern. So greifen Unternehmen, die sich mit Dokumenterstellung und -kooperation beschäftigen, häufig nicht auf Vertragsstandards (z.B. Dateiformat, Layout) zurück, sondern entwickeln abgekapselt ihre eigene Anwendung. Im Ergebnis führt das dazu, dass viele Anbieter in einigen Schichten der Branche gleichzeitig vertreten sind und die Fülle an komplexen Arbeitsprozessen nicht beherrschen können.

Aufgrund dieser Umstände entstehen regelmäßig Dienste, mit denen die Zielgruppe nicht arbeiten möchte.

Die Gefahr besteht, dass das Management in Groß- sowie größeren mittelständischen Kanzleien Anwendungen kauft und damit seinen Anwälten unnütze, ineffiziente Tools aufzwingt. Das Ziel ist hingegen die Entwicklung von Anwendungen, die Anwälte in ihren Prozessen unterstützt. Die Produkte sollen sich in den Workflow integrieren lassen, anstatt diesen zu verändern.

Endverbrauchern müssen einfache Lösungen geboten werden, mit denen sie umgehen können. Auch mithilfe fortschrittlicher Technologie kann juristischen Laien nicht komplexes anwaltliches Arbeiten aufgebürdet werden. Denn Konsumenten haben nicht die Zeit und den Elan, sich ohne rechtlichen Hintergrund mit dem Entwurf eines Arbeitsvertrags, Testaments oder Ähnlichem zu beschäftigen. Das Ziel ist nicht, dass Verbraucher komplexe Tätigkeiten selbst ausüben, sondern dass Anwälte kosten- und zeiteffizient arbeiten können.

Wenn Sie mehr zu diesem Thema erfahren oder ein privates Feedback geben möchten, kontaktieren Sie uns gerne per Mail. Wir freuen uns auf Ihre Meinung!

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